Aktuelles zur Psychotherapie

BEHANDLUNG VON TRANSSEXUALITÄT IN ÖSTERREICH

Transsexualität: Ergänzende Info zu Psychotherapie News/4. Ausgabe - Dezember 2004

TRANSSEXUALITÄT - 5 Jahre - und (k)ein bisschen weise?

Fachtagung "Behandlung von Transsexualität in Österreich – Konsensustreffen"

Was bisher geschah: Im Jahr 1999 fand erstmals in Österreich ein Kongress zum Thema "Transsexualität" statt (AKH Wien). Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) fungierte damals als Mitveranstalter - organisierte er doch schon mehrere Jahre unter dem Vorsitz von Elisabeth Vlasich sehr erfolgreich den Arbeitskreis "Transsexualität-Psychotherapie" (seit 1995), sowie den "Interdisziplinären AK Transsexualität-Psychotherapie" (seit 1996). Auf diesem Kongress bildete sich damals auch die "Gesellschaft für Geschlechtsdysphorie", die über die Gründungsakrivität letzlich nicht hinauskam.

Im November 2004 - 5 Jahre später - gab es dann eine Fachtagung, tituliert als "Konsensustreffen". Ein mutiger Name für eine Veranstaltung, in deren Vorfeld sich durchaus unterschiedliche - ja sogar kontroversielle - Interessen manifestiert hatten. Nicht zuletzt des Interesses einiger Mitglieder der "Gesellschaft für Geschlechtsdysphorie" wegen, die hier eine Möglichkeit zur Reanimation dieser Gesellschaft sahen.
Als VeranstalterInnen fungierten diesmal Dr. Elisabeth Friedrich (Gerichtsmedizin Wien), Dr. Michael van Trotsenburg (AKH Wien), Primar Dr. Manfred Stelzig (Landeskliniken Salzburg) und Elisabeth Vlasich (ÖBVP).
Ziel der Tagung sollte die Entwicklung einer effizienten interdisziplinären Vernetzung sowie die Vorbereitung von Standards/Qualitätskriterien für den Behandlungsprozess transsexueller Personen sein.
Als durchaus sinnvolle Grundlage hätte sich eine vorausgehende - interdisziplinäre (!) - Erhebung des Status quo (was funktioniert, wo gibt es Mängel) erweisen können - diese hat aber leider nicht stattgefunden.
Aufregung gab es auch um die Beteiligung von VertreterInnen von TransGender-Organisationen - manchen wäre es wohl lieber gewesen, diese wären nicht eingeladen worden...

Dies waren also die Voraussetzungen für zwei Halbtage, die in nettem Rahmen bei reger interdisziplinärer Teilnahme durchaus kontroversiell verliefen:
Der erste Tag war gekennzeichnet durch ein sehr harmonisches, konsensuelles Klima. Aus den Eingangsstatements der verschiedenen Fachrichtungen war - zur Überraschung mancher - herauszuhören, dass das Phänomen Transsexualität durchaus nicht so simpel betrachtet werden könne, wie noch vor einigen Jahren. Dass es eben mehrere Transsexualitäten gibt und dass betroffene Menschen durchaus unterschiedliche Wege in ihrer Transsexualität gehen können und dies verstärkt auch tun. Die teilweise trockenen fachspezifischen Referate wurden durch den Vortrag von Prof. Springer "Sex & Gender - neue Probleme, neue Aufgaben, neue Zugänge" sehr aufgelockert, in dem er über die gesellschaftlichen Entwicklungen des Phänomens der Transsexualitäten und ihrer Randbereiche sprach.
Den zweiten Tag, an dem auch die fachspezifischen Arbeitsgruppen stattfanden, könnte man dann - um es mit George Lucas zu sagen - unter den Titel "Das Imperium schlägt zurück" stellen. Besonders die ChirurgInnen und HormonspezialistInnen vertraten plötzlich extrem konservative Standpunkte und forderten, möglichst früh in den Prozess eingebunden zu werden - was aus psychotherapeutischer Sicht jedoch durchaus auch kontraproduktiv für so manchen betroffenen Menschen sein kann!
Im Folgenden die wichtigsten Ergebnisse der fachspezifischen Arbeitskreise - die Aussagen bleiben unkommentiert:

AK Recht

  • Für transsexuelle Menschen, die keine geschlechtsangleichende Genitaloperation anstreben, wird es folgende Änderung im Namensrecht geben: Möglichkeit der Führung eines geschlechtsspezifischen Vornamens gemäß dem "empfundenen und gelebten Geschlecht" auch ohne Personenstandsänderung.
  • Angedacht wurde auch die Möglichkeit zur Änderung der Geschlechtsbezeichnung in Ausweispapieren (nicht in Personenstandsurkunden) gemäß dem "empfundenen und gelebten Geschlecht".


AK Chirurgie

  • Chirurgen wollen möglichst früh in den Prozess eingebunden werden.
  • Befürworten Erstellung von Standards sowie eine Registerbildung/Dokumentation für ganz Österreich
  • Notwendigkeit der individuellen, bedarfsgerechten Chirurgie (aufgrund gesellschaftlichen Umdenkens)


AK Psychotherapie

  • Diagnosestellung liegt - laut 50. ASVG-Novelle - bei den PsychotherapeutInnen
  • die Stundenanzahl der Psychotherapie muss individuell geregelt werden
  • keine Einigung gab es bei der Frage der Notwendigkeit der einjährigen Dauer
  • Therapie=Veränderungsprozess (nicht nur Begleitung)
  • wichtig: interdisziplinäre Vernetzung


AK Klinische Psychologie

  • Tests sind hilfreiche Ergänzung zur Psychotherapie


AK Psychiatrie

  • auch hier Wunsch nach möglichst frühzeitiger Einbindung
  • Verbesserung der psychischen Betreuung der PatientInnen während des Klinikaufenthalts (ist oftmals aufgrund der Unwissenheit des Pflegepersonals nicht ideal)


AK Endokrinologie

  • Bei Thromboserisiko (Kontraindikation) besteht die Möglichkeit einer sanften Therapie.
  • Osteoporose: keine Probleme zu erwarten, wenn PatientIn vorher unauffällig
  • gegengeschlechtliche Hormontherapie muss 1 Jahr vor OP bestehen
  • Absetzen der Hormone 4-6 Wochen vor bis 2 Wochen nach der OP/zwischenzeitlich eventuell Einsatz von Psychopharmaka
  • mit PsychotherapeutIn muss abgeklärt werden, ob eine vorzeitige Unterbindung von Erektion bzw. Menstruation erfolgen soll


AK Selbsthilfegruppe/Exstirpation der Dysphorie

  • Recht: Personenstandsänderung soll mit Diagnosestellung möglich sein
  • Psychotherapie: Individuelle Abstimmung der Dauer auf die Bedürfnisse der/des Einzelnen
  • Klinische Psychologie: klinisch-psychologische Testung nur bei Verdacht auf andere Störung
  • Psychiatrie: Forderung nach Gleichstellung von Psychiatrie und Psychotherapie - Transsexualität ist keine psychiatrische Erkrankung - Psychiatrie nur zur Differentialdiagnose nötig
  • Endokrinologie: Hormonfreigabe ab der Diagnosestellung
  • Chirurgie: alle OP's zur Angleichung an das Erscheinungsbild des Identitätsgeschlechts sind gleichwertig, Reihenfolge müssen PatientInnen entscheiden.
  • Herbe Kritik an der gängigen OP-Praxis, insbesondere bei Transmännern!
  • ÖAK-Diplom "TransGender"
  • Vorgestellt wurde auch der Plan zur Schaffung eines Diploms der Österreichischen Ärztekammer mit dem Ziel der Vereinheitlichung des fachübergreifenden Spezialwissens. Da ein ÖAK-Diplom aber nur von MedizinerInnen erworben werden kann, stellt sich schon die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines solchen Vorgehens. Gerade TherapeutInnen, die im Regelfall ja erster Anlaufpunkt transsexueller Menschen sind, bliebe dieses Diplom vorenthalten!

In zahlreichen Statements wurde immer wieder die "Gesellschaft für Geschlechtsdysphorie" genannt. Viele vermissen jedoch die nötige Transparenz, die eine solche Organisation an den Tag legen sollte. Besonders von den transsexuellen Menschen selbst wird sie oft als eine Art "Geheimbund" empfunden, der hinter verschlossenen Türen über ihr Schicksal entscheidet. Viel wichtiger, als die Schaffung eines derartigen Machtinstruments wäre es, einen Dialog zu führen, in dem alle Beteiligten gleichberechtigt ihren Standpunkt einbringen können.
Bis zum nächsten Konsensustreffen (in 5 Jahren?!)

DSA Elisabeth Vlasich
Koordinatorin der ExpertInnengruppe
"Transsexualität-Psychotherapie"