Aktuelles zur Psychotherapie

ENTWICKLUNG DER PSYCHOTHERAPIE IN ÖSTERREICH

Eine Darstellung der historischen Entwicklung aus den Erläuterungen zur Regierungsvorlage (zitiert nach: Psychologengesetz Psychotherapiegesetz. Kurzkommentar von Kierein, Michael / Pritz, Alfred / Sonneck, Gernot. Wien 1991, S. 109-112.)

"Es zeigt sich, dass die Entwicklung der Psychotherapie eng mit der Geschichte Österreichs, besonders aber mit jener Wiens, verbunden ist.

Die Anfänge der Psychotherapie reichen weit in die Monarchie zurück. Bereits vor mehr als 200 Jahren wirkte Anton Mesmer in Wien, der mit seiner Theorie des "animalischen Magnetismus" als Vorläufer der modernen Psychotherapie gelten kann.

Der entscheidende Durchbruch zu einer systematisch-wissenschaftlichen Durchdringung der Psychotherapie gelang jedoch erst Sigmund Freud. Seine bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der Psychoanalyse waren Grundlage und Anstoß für die weitere Entwicklung und damit Ausgangspunkt für die weltweite Verbreitung der Psychotherapie.

Bereits 1908 hatte sich unter Führung Sigmund Freuds die Wiener Psychoanalytische Vereinigung konstituiert. Weitere Zusammenschlüsse psychotherapeutisch Interessierter sollten folgen, so etwa Wilhelm Stekels Psychotherapeutische Vereinigung.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg entwickelten - aufbauend auf den Ideen Sigmund Freuds - Alfred Adler die Individualpsychologie und der Schweizer Carl Gustav Jung die Analytische Psychologie.

Weitere wichtige Impulse für die Entwicklung der Psychotherapie gingen von Jacob Moreno, dem Begründer des Psychodramas, von Vikor Frankl, dem Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, sowie dem aus Deutschland stammenden Johannes Heinrich Schultz und dem von ihm propagierten Autogenen Training aus.

Die Gründung des Psychoanalytischen Ambulatoriums, der individualpsychologischen Erziehungsberatungsstellen, aber auch des Psychotherapeutischen Ambulatoriums an der Wiener psychiatrisch-neurologischen Universitätsklinik, weiters die Gründung von Ehe-, Familien- und Sexualberatungsstellen, von Schulen, Horten und Kindergärten, in denen Persönlichkeiten wie Alexandra Adler, August Aichhorn, Bruno Bettelheim, Charlotte Bühler, Rudolf Ekstein, Erik Erikson, Anna Freud, Carl Furtmüller, Eduard Hitschmann, Siegfried Lazarsfeld, Otto Rank, Wilhelm Reich, Theodor Reik, Oskar Spiel, Richard Sterba und Erwin Wexberg wirkten, geben ein beredtes Zeugnis dieser Entwicklung.

Da diese Pioniere der Psychotherapie aus den unterschiedlichsten Disziplinen und Arbeitsfeldern kamen, konnten sie ihre unterschiedlichen Vorerfahrungen und Anregungen in die Psychotherapie einbringen. Umgekehrt reflektierten sie die von ihnen erworbene psychotherapeutische Kompetenz auf ihre ursprünglichen Arbeitsfelder wieder zurück. Dies hatte eine spürbare Verbesserung der psychosozialen Versorgung zur Folge und rückte Wien ins Zentrum der internationalen Aufmerksamheit.

Allerdings wurde diese aufstrebende Psychotherapieentwicklung gegen Ende der dreißiger Jahre durch Verfolgung und Vertreibung fast vollständig zerschlagen. In der Zeit der Okkupation Österreichs durch das Deutsche Reich konnte die Psychotherapiebewegung vor allem auf Grund der Bemühungen von August Aichhorn, Oskar Spiel und Ferdinand Birnbaum überleben.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges veranlasste nur sehr wenige der emigrierten PsychotherapeutInnen, wieder nach Österreich zurückzukehren. Ein langer Weg der Wiederbelebung und Regeneration begann, wobei sich vor allem Knut Baumgärtel, Lambert Bolterauer, Igor Caruso, Otto Pawlik, Erwin Ringel, Wilhelm Solms und Walter Spiel besondere Verdienste um die Psychotherapie erwarben. Zusammen mit Ottokar Arnold, Raoul Schindler und Adalbert Wegeler gründete Igor Caruso 1947 zunächst den Wiener Arbeitskreis für Tiefenpsychologie als zweite psychoanalytisch orientierte Vereinigung, der alsbald weitere folgten.

Aus diesem Kreis kommend, entwickelte Raoul Schindler seine gruppentherapeutischen Konzepte, die schließlich zur Gründung des Österreichischen Arbeitskreises für Gruppentherapie und Gruppendynamik führten. Viktor Frankls Logotherapie und Existenzanalyse fand zunächst in den Vereinigten Staaten von Amerika große Verbreitung, konnte sich aber auch in Österreich wieder als Methode etablieren. Die Begründung einer neuen Humanistischen Psychologie wurde in den Vereinigten Staaten noch von Charlotte Bühler mitgetragen.

Gleichzeitig gewann das Autogene Training zunehmend an Bedeutung. Der weltweite Aufschwung neoanalytischer Ansätze, wie sie von Erich Fromm, Karen Horney, Harald Schultz-Hencke und Harrison Sullivan entwickelt wurden, hatte auch in Österreich einen gewissen Einfluss.

Im Verlauf der siebziger Jahre nahm das allgemeine Interesse für Psychotherapie erneut erheblich zu. Dies führte nicht nur zu einer Vielzahl neuer psychotherapeutischer Einrichtungen, sondern auch zu einer inhaltlichen Ausweitung der Methodenlehre. Insbesondere die Klientenzentrierte Psychotherapie, die Gestalttherapie, die Verhaltenstherapie, die Familientherapie und das Psychodrama konnten sich innerhalb der Psychotherapie etablieren.

Mit Beginn der achtziger Jahre traten in Österreich noch weitere Konzeptionen, insbesondere die körperorientierten Ansätze, die Transaktionsanalyse, das Katathyme Bilderleben und erneut die Analytische Psychologie nach Carl Gustav Jung stärker in den Vordergrund. Auch Paul Watzlawicks Beitrag zur Weiterentwicklung der System- und Kommunikationstheorie ist an dieser Stelle zu erwähnen.

Nachdem sich die Universitäten - mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung - erneut intensiv mit Fragen der Psychotherapie auseinandergesetzt hatten und die Psychotherapie damit Gegenstand der universitären Forschung und Lehre geworden war, konnte sie sich nunmehr endgültig im Kreis der wissenschaftlichen Disziplinen etablieren. (1968 wurde das erste Universitätsinstitut für Psychotherapie in Österreich gegründet, und zwar in Graz unter der Leitung von Erich Pakesch, die heutige Univ. Klinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie. Anmerkung von B. Verlic.)

Auf die Initiative von Hans Strotzka gemeinsam mit Harald Leupold-Löwenthal, Erich Pakesch, Raoul Schindler, Wilhelm Solms, Walter Spiel und Hans-Georg Zapotoczky wurde 1982 der Dachverband Österreichischer Psychotherapeutischer Vereinigungen, dem derzeit elf Vereinigungen angehören, gegründet. Wichtigste Ziele waren und sind die Vertretung gemeinsamer Interessen bei gegenseitigem Erfahrungsaustausch, die Förderung der wissenschaftlichen Arbeit verbunden mit der Verbreitung psychotherapeutischer Erkenntnisse sowie die Schaffung pluralistisch orientierter Grundlagen für die Ausübung der Psychotherapie." (Erl. der RV-PthG).